Im Herzen Europas erstreckt sich eine Vision von Gemeinschaft, Zusammenarbeit und kulturellem Austausch, die in einem einzigen Wort mündet: Erasmus. Dieses Programm, 1987 von der Europäischen Union ins Leben gerufen, ist weit mehr als nur ein simples Förderprogramm für Auslandsaufenthalte. Erasmus ist ein Symbol für die Überwindung nationaler Grenzen, für die Verwirklichung einer gemeinsamen europäischen Identität. Junge Menschen, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrkräfte – sie alle haben durch Erasmus die Chance, den Kontinent in einer Tiefe zu erleben, die über touristische Erkundungen hinausgeht. Und so führt Sie dieser Bericht auf eine Reise, die nicht nur geografische Grenzen überschreitet, sondern auch intellektuelle, soziale und emotionale.
Unsere Geschichte beginnt in einer kleinen Gemeinde im Südwesten Deutschlands, in Walfischbach-Burgalben. Hier, inmitten der idyllischen Landschaft, trafen sich einige Schülerinnen und Schüler der integrierten Gesamtschule (Daniel Theyson IGS Waldfischbach-Burgalben), um an einem Projekt teilzunehmen, das ihnen den europäischen Gedanken näherbringen sollte – und dies auf eine außergewöhnliche Weise. Im Rahmen der Erasmus-Woche, einer alljährlich wiederkehrenden Feier der europäischen Idee, wurde diese Fahrradtour von Walfischbach nach Schengen und weiter nach Luxemburg organisiert. Es war eine Reise von über 150 Kilometern, die nicht nur körperliche Ausdauer erforderte, sondern auch den Willen, Grenzen zu überqueren und neue Perspektiven zu entdecken.
Doch diese Tour war weit mehr als nur eine sportliche Herausforderung, es war eine Begegnung mit der europäischen Idee in ihrer Reinform. Die Schülerinnen und Schüler, die daran teilnahmen, waren nicht nur Deutsche. Ihre Wurzeln kamen aus verschiedenen Ländern Europas, alle zusammengebracht durch das Erasmus-Programm, das genau diese Art von interkulturellem Austausch fördert. Es ging nicht nur darum, Kilometer zurückzulegen, sondern auch darum, Freundschaften zu schließen, unterschiedliche Kulturen kennenzulernen und zu verstehen, dass Europa mehr als die Summe seiner Teile ist und darum, dass Europa ein lebendiger Organismus ist, der durch seine Vielfalt atmet.
Die Finanzierung dieses ehrgeizigen Projekts wurde von der Europäischen Union im Rahmen des Erasmus-Programms bereitgestellt, das seit Jahrzehnten junge Menschen in ihrem Bestreben unterstützt, die Welt durch die Linse der Völkerverständigung zu betrachten. In einer Zeit, in der Nationalismen und populistische Strömungen in Europa an Zulauf gewinnen, ist das Erasmus-Programm ein Leuchtfeuer der Hoffnung, ein Programm, das Brücken baut, wo andere Mauern errichten wollen. Es ist eine Hommage an die Vielfalt und gleichzeitig eine Erinnerung daran, dass diese Vielfalt unser größter Reichtum ist.
Die Organisation der Fahrradtour selbst lag in den Händen der Lehrerinnen und Lehrer der IGS Walfischbach, sowohl den logistischen Aufwand bewältigten, als auch als Mentoren und Wegbegleiter für die Schülerinnen und Schüler fungierten.
Von Walfischbach ging es über malerische Dörfer und hügelige Landschaften, entlang von Flüssen und durch dichte Wälder, die die Teilnehmer auf eine Zeitreise mitnahmen – eine Reise durch die europäische Geschichte, die sich in jedem Stein und jeder Ruine widerspiegelt. Die Schülerinnen und Schüler konnten lernen, wie eng die europäische Geschichte mit ihrer eigenen Biografie verflochten ist. Die drei Länder, durch die sie reisten, waren nicht einfach nur geographische Gebiete auf einer Landkarte, sondern kulturelle Räume mit eigenen Geschichten, Traditionen und Lebensweisen.
Angekommen in Luxemburg, wurde die Gruppe mit der Bedeutung des Landes vertraut gemacht. Es war für manche ein Moment des Innehaltens, der Reflexion über das, was Europa ausmacht: den Wunsch nach Frieden, nach Kooperation und nach einem Miteinander, das auf gegenseitigem Respekt und Verständigung basiert. Die jungen Menschen standen im Land, in dem vor fast vierzig Jahren das Abkommen unterzeichnet wurde, das die Abschaffung der Binnengrenzen besiegelte. Sie spürten hoffentlich, dass sie Teil einer Generation sind, die diese Errungenschaft nicht als selbstverständlich ansehen darf. Sie wurden sich hoffentlich der Verantwortung bewusst, die mit der Freizügigkeit in Europa einhergeht.
Die Reise ging weiter nach Luxemburg, der Hauptstadt eines kleinen Landes, das wie kein anderes den europäischen Gedanken verkörpert. Luxemburg ist nicht nur Gründungsmitglied der Europäischen Union, sondern auch Sitz mehrerer wichtiger europäischer Institutionen. Hier spürten die Jugendlichen erneut die Bedeutung der europäischen Integration, die Luxemburg zu einem Schmelztiegel der Kulturen gemacht hat. Die Stadt, mit ihren engen Gassen und majestätischen Brücken, die sich über tiefe Schluchten spannen, war ein Sinnbild für die Verbindung von Tradition und Moderne, von nationalen Eigenheiten und europäischer Einheit.
Was bedeutet es, Europäerin oder Europäer zu sein? Welche Rolle spielt Europa im Leben der jungen Menschen, die an diesem Projekt teilnahmen? Und welche Verantwortung tragen sie, wenn es darum geht, Europa weiterzuentwickeln und die Vision eines friedlichen, vereinten Kontinents zu bewahren?
Das Erasmus-Programm hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen für die Idee eines geeinten Europas zu begeistern. Durch Projekte wie diese Fahrradtour wird diese Vision greifbar. Jeder Tritt in die Pedale war ein Schritt in Richtung eines tieferen Verständnisses dessen, was es bedeutet, Teil einer europäischen Gemeinschaft zu sein.

Vorbereitung auf die große Fahrradtour:
Die Vorbereitung auf eine über 150 Kilometer lange Fahrradtour erfordert sowohl körperliche als auch mentale Stärke. Für mich begann diese Herausforderung mit der Ankündigung einer Schultour von Walfischbach nach Luxemburg im Rahmen der Erasmus-Woche. Diese Reise war für mich viel mehr als nur eine sportliche Unternehmung – sie war ein Test meiner Entschlossenheit. Die zwei Wochen davor waren geprägt von intensivem Training, bei dem ich mich auf widrigste Bedingungen vorbereitete, um für jede Eventualität gewappnet zu sein, egal welches Wetter, welche Temperatur, egal was für eine Bodenbeschaffenheit. Dabei galt es, sowohl körperliche Hürden als auch mentale Zweifel zu überwinden, denn dieses Training unterschied sich stark von meiner bisherigen sportlichen Routine, da ich hauptsächlich im Kraftsport aktiv war. Mit knapp über 100 Kilogramm Körpergewicht und einer Massephase im Bodybuilding war Ausdauer bei mir eher zweitrangig. Doch ich stellte mich der Herausforderung, täglich bis zu 35 Kilometer zu fahren, und kämpfte gegen die Belastungen an, die mein Körper bei langen Anstiegen mit sich brachte. Verletzungen und Rückschläge, wie eine Knieverletzung, brachten mich zeitweise aus dem Rhythmus, doch ich blieb fokussiert. Die richtige Ernährung und sorgfältig gewählte Ausrüstung waren ebenso entscheidend, um die Tour erfolgreich zu meistern.
Für Sarah, die sich nur kurz vor der Tour auf ihr Fahrrad schwang, war die mentale Vorbereitung entscheidend. Mit minimaler körperlicher Vorbereitung ging sie mit gemischten Gefühlen in das Abenteuer. Doch der motivierende Pakt mit ihren Freundinnen stärkte ihr Durchhaltevermögen. Ihre Erwartungen waren einfach: die Natur genießen und die Gemeinschaft erleben. Trotz der Herausforderungen, die das raue Oktoberwetter mit sich brachte, konnte Sarah die Tour meistern und wertvolle Erfahrungen sammeln, die sie nachhaltig prägten. Sie bewies, dass mentale Stärke und der Wille, sich den eigenen Ängsten zu stellen, oft entscheidender sind als reine körperliche Vorbereitung.
Emir trat die Fahrradtour mit realistischen Erwartungen an, bewusst über die körperlichen Herausforderungen und möglichen Rückenschmerzen. Als regelmäßiger Radfahrer sah er die Tour als Gelegenheit, seine Grenzen zu testen und das Gruppenerlebnis zu genießen. Die Tour war für ihn ein voller Erfolg, auch wenn er die letzten Kilometer erschöpft im Bus zurücklegen musste. Die gemeinsame Anstrengung und das Erreichen des Ziels machten das Erlebnis besonders wertvoll. Rückblickend betrachtet, war die Tour für Emir eine bereichernde Erfahrung, die sowohl seine Ausdauer als auch seine Freude am gemeinsamen Erlebnis gestärkt hat.
Tag 1
Das Wetter war schon damals ein Vorbote dessen, was uns erwarten würde – keine Spur von Sonnenlicht, nur graue, bedrohlich wirkende Wolken und unaufhörlicher Regen, der den Boden durchweichte. Die Luft war schwer und feucht, aber das konnte unsere Vorfreude nicht trüben. Der Plan war gefasst: Wir sollten uns um 8:30 Uhr an Emirs Adresse einfinden und von dort aus gemeinsam aufbrechen. Jeder wusste, dass diese Tour keine gewöhnliche Fahrt werden würde.
Am Morgen des Aufbruchs war die Stimmung gedrückt von der Dunkelheit, die durch den dichten Wolkenvorhang kein Licht durchließ. Der Regen prasselte auf die Straßen, und jede Bewegung schien in dieser feuchten Welt etwas langsamer, schwerer. Dennoch machte ich mich auf den Weg zu Emir, der mich bereits an seiner Haustür erwartete. Der Regen tropfte von unseren Jacken, während wir uns kurz unterhielten, bevor er mich bat, nach vorne zu gehen und nach Tim Ausschau zu halten. Tim war eingetroffen, also machte ich mich auf den Weg zu ihm, während Emir auf Frederic wartete.
Nachdem wir uns schließlich alle versammelt hatten, setzten wir uns in Bewegung. Der Regen begleitete uns wie ein ständiger Begleiter, schwer und kalt, während wir in Richtung der Biebermühle fuhren, unserem Treffpunkt. Auf dem Weg dorthin öffnete ich mit klammen Fingern eine Saftflasche – eine kleine Stärkung, die sich in diesem Moment fast luxuriös anfühlte. Trotz des Regens versuchten wir, die Stimmung aufrechtzuerhalten, doch der graue Himmel drückte auf unsere Gemüter.
An der Biebermühle angekommen, trafen wir uns mit den anderen, doch es war ein kurzes Warten, still und in Gedanken versunken, während der Regen leise auf den Asphalt fiel. Niemand hatte viel zu sagen, jeder war in seine eigenen Vorbereitungen vertieft. Wir überprüften noch einmal die Ausrüstung – eine förmliche, aber notwendige Prozedur: War jeder bereit? Hatte jemand Hunger? War noch alles da, was wir für die Fahrt brauchten? Es war der Moment, in dem sich jeder darauf vorbereitete, die Herausforderung anzunehmen, die uns bevorstand.
Nach einem schnellen Gruppenfoto – mehr Routine als echte Freude in diesem Moment – fuhren wir endlich los. Der Regen prasselte weiter, und die Straßen glänzten vor Nässe, als wir über Thaleischweiler-Fröschen in Richtung Zweibrücken fuhren. Die Strecke war überraschend flach, was uns in diesem Moment noch willkommen war. Doch schon bald erwies sich die Fahrt als schwieriger als erwartet. Ein Bach war über die Ufer getreten, und der Radweg stand unter Wasser. Trotz des schlechten Wetters entschieden wir uns, weiterzufahren. Das kalte Wasser, das uns bis zu den Knöcheln reichte, durchtränkte unsere Hosen und Schuhe. Nichts blieb trocken. Die Kälte kroch durch die Kleidung und setzte sich in den Knochen fest.
Dann passierte das, was bei einer solchen Tour unvermeidlich scheint: Die Gruppe verlor sich aus den Augen. Während einige von uns nach links abbogen, folgte der Rest der Gruppe einem anderen Weg. Plötzlich standen Frau Pfeiffer-Zimmermann und ich zusammen mit ein paar anderen am Straßenrand, durchnässt und orientierungslos. Wir versuchten verzweifelt, Herrn Weber und Herrn Zimmermann zu erreichen, doch der Regen schien nicht nur uns, sondern auch das Handynetz lahmzulegen. Schließlich half uns Google Maps aus der Misere, und wir fanden uns langsam wieder zusammen. Die Anweisung war klar: „Haltet euch rechts und bleibt zusammen.“ Doch das war leichter gesagt als getan. Schon bald zeigte sich, dass das Fahren in einer großen Gruppe kaum möglich war.
Die „stärkeren“ Fahrer setzten sich nach vorne ab, während die anderen langsamer fuhren und zurückblieben. Ich fand mich anfangs irgendwo in der Mitte wieder, unschlüssig, ob ich das Tempo halten oder nach vorne preschen sollte. Schließlich entschied ich mich, die Führung zu übernehmen, und fuhr an den langsameren Fahrern vorbei, um die Strecke vor uns im Auge zu behalten. Es fühlte sich richtig an, auch wenn der Regen unermüdlich weiter auf uns herabfiel.
Kurz vor dem Eingang nach Zweibrücken trafen wir die anderen wieder. Es war eine Erleichterung, alle wohlbehalten zu sehen, und wir konnten sogar über unser kleines Missgeschick lachen. Der Regen hatte uns nicht nur durchnässt, sondern auch irgendwie zusammengeschweißt. Wir fuhren weiter durch die Allee von Zweibrücken, bis wir schließlich bei Aldi ankamen. Dort legten wir eine verdiente Pause ein. Die Lehrer versorgten uns mit Brezeln und ISO-Drinks – ein kleines Festmahl, das uns neue Kraft gab. Alles, was übrig blieb, landete in meinem Rucksack und meiner Fahrradtasche, die bereits an ihre Grenzen stießen.
Die etwa 20-minütige Pause fühlte sich wie ein kleiner Moment des Friedens inmitten des unbarmherzigen Regens an. Wir hatten bereits die ersten Herausforderungen hinter uns, doch die größte Prüfung lag noch vor uns.
Nach der kurzen, aber nötigen Pause in Zweibrücken setzten wir unsere Reise in Richtung Saarbrücken fort – das nächste große Etappenziel, das uns erneut alles abverlangen würde. Der Himmel blieb in seinem grauen, trostlosen Schleier verhüllt, und der Regen fiel unaufhörlich auf uns herab. Diese nassen Bedingungen wurden unser ständiger Begleiter, aber wir hatten uns längst damit abgefunden. Die Straßen glänzten von der Feuchtigkeit, und der Fahrtwind trug die Kälte durch unsere nassen Kleidungsstücke hindurch.
Bis kurz vor St. Ingbert verlief die Strecke recht monoton. Es war eine Mischung aus asphaltierten Radwegen, Schotterstrecken und leichten Steigungen und Gefällen, die mehr Kraftausdauer als technische Fähigkeiten erforderte. Nichts an dieser Strecke war besonders herausfordernd, aber die Routine war trügerisch – sie lullte uns in ein falsches Gefühl der Sicherheit.
Dann, plötzlich, passierte es: Vor mir ein Schulbus, gefüllt mit neugierigen, jungen Gesichtern, und hinter mir drängten Autofahrer, die es offenbar eilig hatten. In dem Versuch, Platz zu machen, wollte ich mein Fahrrad auf den Bürgersteig lenken. Doch mein Reifen geriet an die Bordsteinkante, rutschte ab und brachte das Rad ins Wanken. In diesem Moment war mein Körper der Maschine ausgeliefert – das Fahrrad verdrehte sich, mein Bein drehte sich mit, und bevor ich es realisierte, stürzte ich frontal gegen eine Steinmauer. Ich lag auf dem Boden, durchnässt und erschrocken, während mein Fahrrad hinter mir klirrte. Im Bus sah man das Lachen der Kinder, als sie meinen Sturz beobachteten. Es war ein demütigender Moment, der mich kurz innehalten ließ. Doch ich rappelte mich auf, schüttelte den Dreck von meiner Kleidung und setzte mich wieder aufs Fahrrad, als wäre nichts gewesen. Die Lehrer, die den Vorfall gesehen hatten, fragten besorgt nach meinem Befinden, aber ich versicherte ihnen immer wieder: „Alles gut.“ Etwa 4,3 Kilometer vor St. Ingbert – und die Fahrt musste weitergehen.
Diese kleine Episode war jedoch nur ein Vorgeschmack auf das, was uns noch erwarten sollte. Die Fahrt nach Saarbrücken wurde zu einer Prüfung meiner mentalen Stärke. Es ging nicht mehr nur darum, physisch durchzuhalten – es war die Konzentration, die Kontrolle über das Rad und die Achtsamkeit gegenüber den Hindernissen, die uns begegneten. Der Weg wurde anspruchsvoller, die Gedanken an einen erneuten Sturz oder den Zusammenstoß mit einem Auto oder einem Baum waren allgegenwärtig. Doch nach diesem Schockmoment begann ich, die Fahrt wieder zu genießen. Die wechselnden Untergründe – Asphalt, Schotter, Waldpfade – und die Abwechslung der Landschaft ließen die Kilometer vergehen.
Ein besonders denkwürdiger Moment war ein Abschnitt, der uns allen gleichzeitig Nervenkitzel und kindliche Freude bereitete. Es ging steil bergab, fast wie auf einer Achterbahn, nur dass es kein sicherer Asphaltweg war, sondern ein unsicherer Waldpfad, der durch den Regen glitschig geworden war. Einige von uns, mich eingeschlossen, ließen sich von der Geschwindigkeit mitreißen und sausten fast ungebremst hinunter. Als wir unten ankamen, sahen wir aus wie Leoparden – unsere Gesichter und Kleidung waren übersät mit kleinen Schlammspritzern, die uns ein Grinsen ins Gesicht zauberten.
In Saarbrücken angekommen, verspürte ich eine Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung. Der Regen hatte zwar nicht aufgehört, aber wir hatten etwa 60 oder 70 Kilometer hinter uns – je nachdem, von welchem Startpunkt man zählte. Am Lidl hielten wir an, um eine weitere Pause einzulegen. Mein Oberschenkel begann zu krampfen, der Sattel schien mit jedem Kilometer härter zu werden, und die Rückenstabilität ließ langsam nach. Nicht nur bei mir – auch bei vielen anderen merkte man, dass der Körper langsam nachgab. Die Belastung war enorm, und die Stunden im Regen hatten ihren Tribut gefordert.
Die Lehrer versorgten uns wieder mit Energie – diesmal nicht mit Brezeln, sondern mit Müsliriegeln und ISO-Drinks. Diese Kombination war nicht zufällig gewählt. Der Müsliriegel, reich an Kohlenhydraten, sorgte für die schnelle Wiederauffüllung der Glykogenspeicher, die durch die anhaltende Anstrengung langsam aufgebraucht waren. Die ISO-Drinks lieferten Elektrolyte, um uns wieder wach und konzentriert zu machen und den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, den wir durch den ständigen Regen und die Kälte unterschätzt hatten.
Nach dieser kurzen Pause fuhren wir weiter in die Innenstadt von Saarbrücken. Dort, an den Ufern der Saar, wollten wir unser erstes großes Frühstück gemeinsam genießen. Die Stimmung war entspannt, fast ausgelassen. Jeder packte seine mitgebrachten Lebensmittel aus, und es gab eine bunte Auswahl an Brötchen, Käse, Salami und Würstchen. Ich gönnte mir eine ungewöhnliche Mahlzeit für so eine Fahrradtour: Sushi. Die Kombination aus frischem Sushi und Brötchen war vielleicht nicht die naheliegendste, aber in dem Moment war es genau das, was ich brauchte. Wir saßen zusammen, tauschten Geschichten und Eindrücke aus, und die allgemeine Stimmung war gut – abgesehen von Frederic Weber, dessen Zurückhaltung noch kein großes Thema war, aber sich später als Vorbote eines größeren Problems herausstellen sollte.
Nachdem wir alle gestärkt und einigermaßen erholt waren, setzten wir unsere Reise fort.
Die Fahrt nach Völklingen, die nach Plan verlaufen sollte, entwickelte sich bald zu einer unerwarteten Herausforderung. Die Strecke selbst war zunächst unspektakulär, und wir machten uns keine Gedanken, als wir die letzten Kilometer in Angriff nahmen. Doch als wir den Baumarkt des Globus erreichten, bemerkte die Gruppe, die vorne fuhr, dass etwas nicht stimmte. Eine leise Unruhe machte sich breit. Die Lehrer, die normalerweise unsere Gruppe zusammenhielten, waren plötzlich nicht mehr zu sehen. Unvermittelt rief jemand aus der Gruppe nach Frau Pfeiffer-Zimmermann, und wir hielten an der nächsten Kurve an, um nachzusehen, was vor sich ging.
Als wir unsere Fahrräder abstellten, erreichte uns die Nachricht: Frederic Weber ging es nicht gut. Sofort gingen alle möglichen Gedanken durch unsere Köpfe. War es ein Unfall? War etwas auf der Strecke passiert, was wir nicht mitbekommen hatten? Oder ging es um etwas anderes? Nach zehn Minuten des Wartens, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, erfuhren wir schließlich, dass Frederic sich übergeben musste. Die Gründe für seinen Zustand blieben im Unklaren, aber eine stille Sorge breitete sich aus. Ich vermutete, dass vielleicht seine Ernährung vor der Tour nicht ideal war, oder er sich schlicht überanstrengt hatte. Doch diese Gedanken blieben Spekulationen, denn niemand hatte konkrete Informationen.
Während wir dort standen, warteten und spekulierten, begann die Zeit zu schleichen. Die Minuten dehnten sich, und bald war eine ganze Stunde vergangen. Einige Schüler gingen ein Stück zurück, in der Hoffnung, die Lehrer oder Frederic zu sehen, doch die Entfernung machte es schwierig, etwas Genaueres zu erkennen. Die Situation fühlte sich surreal an – wir standen in dieser unfreiwilligen Pause, unschlüssig, was als Nächstes geschehen würde. Zwischen Gesprächen, kleinen Witzen und Vermutungen über Frederics Zustand versuchten wir, die Wartezeit zu überbrücken.
Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, sahen wir Herrn Zimmermann, der Frederic half. Er hatte Schläuche um ihn gebunden, um ihm beim Fahren Unterstützung zu geben und die Belastung zu minimieren. Es war ein merkwürdiger Anblick, aber es zeigte, wie ernst die Lage war. Frederic konnte sich kaum selbst fortbewegen, und so musste ihm jede nur mögliche Erleichterung verschafft werden. Die Älteren Schüler und die Lehrer entschieden sich, mit Frederic und Herrn Zimmermann vorauszufahren. Mir wurde die Aufgabe übertragen, auf die anderen zu warten und sicherzustellen, dass Herr Weber und der Rest der Gruppe den Weg nach Völklingen fanden. Da ich die Strecke gut kannte und zu den Schnellsten gehörte, wusste ich, dass ich den Vorsprung der vorderen Gruppe aufholen könnte.
Als der Rest schließlich eintraf, setzte ich mich sofort in Bewegung. Ich legte ordentlich Tempo vor, um den Anschluss an die Vorausfahrenden nicht zu verlieren. Die Strecke nach Völklingen zog sich durch das alte Industriegebiet der Stadt – eine triste, beinahe melancholische Landschaft, die von der Vergangenheit als Zentrum der Schwerindustrie erzählte. In Völklingen angekommen, machten wir erneut eine Pause, diesmal auf Bänken sitzend. Die Stimmung war gemischt – einerseits die Erleichterung, dass wir so weit gekommen waren, andererseits die Sorge um Frederic und die Ungewissheit, wie es weitergehen sollte.
Es musste eine Entscheidung getroffen werden. Wer konnte weiterfahren, und wer sollte aussetzen? Nach einer kurzen Besprechung war klar, dass alle – außer Frederic – weitermachen würden. Für ihn war die Belastung zu groß geworden. Schließlich wurde beschlossen, dass er zusammen mit Frau Pfeiffer-Zimmermann den Zug nach Dillingen nehmen würde, wo sie in der Unterkunft auf uns warten sollten. Ein Moment der Erleichterung machte sich breit – Frederic musste die Tour abbrechen, aber er konnte sich zumindest ausruhen und erholen, während wir die letzten Kilometer in Angriff nahmen. Als Emir und ich die letzten Kilometer Richtung Dillingen in Angriff nahmen, entschlossen wir uns, alles zu geben. Die Strecke war perfekt: endlos geradeaus, die Sonne brach durch die Wolken und begann, sich dem Horizont zuzuneigen, die Luft wurde wärmer, und wir spürten einen regelrechten Energieschub. Mit einem Schnitt von etwa 35-42 km/h traten wir in die Pedale, ließen alles hinter uns und genossen das Gefühl der Geschwindigkeit. Nur noch etwa 10 Kilometer lagen vor uns, und wir wollten sie so schnell wie möglich hinter uns bringen. Unser Tempo war so hoch, dass wir uns bald einen Vorsprung von knapp sieben Minuten zu den anderen herausgefahren hatten.
An einer kleinen Bank neben einer Brücke hielten wir schließlich an, um auf die anderen zu warten. Auf der anderen Seite des Wassers sahen wir einen älteren Mann beim Angeln, und während wir uns unterhielten, ein wenig tranken und aßen, wurde uns bewusst, wie besonders dieser Moment war. Die Ruhe vor dem Sturm, so schien es, denn schon bald sollten die anderen eintreffen. Als sie schließlich ankamen, machten die Lehrer einen Vorschlag: Da wir, die vier Schnellsten – Emir, Lina, Sarah und ich – offensichtlich ein höheres Tempo bevorzugten, sollten wir in einer eigenen Gruppe weiterfahren. Wir waren alt genug, um die Aufsicht auf den letzten Kilometern nicht mehr zu benötigen, und die Strecke war ohnehin übersichtlich und klar. Gesagt, getan.
Kurz vor dem Ziel hielten wir noch einmal an einer Brücke am Stadteingang, um auf den Rest der Gruppe zu warten. Es war ein guter Moment, um durchzuatmen und ein weiteres Gruppenfoto am Eingangsschild von Dillingen zu machen. Dann fuhren wir in die Stadt ein und spürten die Blicke der Passanten auf uns gerichtet. Es ist schließlich nicht alltäglich, dass eine Gruppe von über 10 Radfahrern, alle in Warnwesten und mit schwerer Ausrüstung, durch die Fußgängerzone zieht. Wir fühlten uns ein wenig wie Helden, die von einer langen Reise zurückkehren.
Um etwa 18 Uhr kamen wir schließlich in unserer Unterkunft an. Es herrschte Erleichterung und Vorfreude auf eine heiße Dusche und ein wenig Ruhe. Zuerst hieß es jedoch, dass wir eineinhalb Stunden Zeit hatten, bevor der Treffpunkt in der vierten Etage sein würde – das war die Wohnung, die ich mit Frederic, Johannes und Elias teilen würde. Die Zeit verging wie im Flug. Wir duschten, machten uns laute Musik an, ich bereitete mir Kaffee und Tee zu und aß eine Kleinigkeit. Die Stimmung war entspannt, fast feierlich, nach den Strapazen des Tages.
Als die anderthalb Stunden um waren, klopfte es an der Tür, und die ersten kamen herein. Es war Zeit für eine kleine Teambesprechung. Die Lehrer ließen uns wissen, dass wir, da wir in der Oberstufe waren, bis 22 Uhr draußen bleiben konnten. Ob wir essen gehen wollten oder etwas anderes unternehmen, war uns überlassen, solange wir uns an die Regeln hielten. Falls es später werden sollte, reichte eine kurze Nachricht. Unsere Gruppe beschloss, zu einem Italiener zu gehen, und das Essen dort war fantastisch. Besonders Emir, der den italienischen Kellner immer wieder „CHEF“ nannte, sorgte für gute Stimmung und schaffte es, uns allen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Die anderen Schüler, die mit den Lehrern unterwegs waren, entschieden sich für Döner.
Zurück in der Unterkunft, gab es für den Abend keine festen Pläne mehr. Wir besprachen nur kurz, was am nächsten Morgen anstand: Frühstück ab sieben – jeder muss was essen. Dann trafen sich die Mädchen mit uns in unserer Wohnung, und wir machten es uns mit ein paar Filmen gemütlich. Es war ein entspannter, lustiger Abend, der nach den Anstrengungen des Tages genau das Richtige war.
Bevor ich ins Bett ging, bereitete ich mir noch eine Bowl aus Früchten zu – Äpfel, Birnen, Bananen und Datteln, alles mit etwas Honig übergossen und dazu Rote-Bete Saft. Ich genoss sie draußen auf dem Balkon mit Blick auf die Saarstahlfabrik, deren Flammen in der Ferne das Dunkel der Nacht durchbrachen. Die Aussicht war seltsam beruhigend und gleichzeitig beeindruckend. Nachdem ich gegessen hatte, machte ich noch ein kurzes Training, um meine Knie zu stabilisieren, da ich mich vor der Tour von einer Verletzung erholen musste. Ein paar Übungen für Bauch und Brust rundeten mein Programm ab, und schließlich war es Zeit, ins Bett zu gehen. Die anderen waren längst eingeschlafen, und ich stellte meinen Wecker auf 6 Uhr, bereit für den nächsten Tag.
Tag 2
Der Tag begann früh um 6 Uhr morgens, und obwohl meine Augen vor Müdigkeit brannten, stand ich als Erster auf. Es war dunkel in der Wohnung, das einzige Licht kam von den Scheinwerfern vorbeifahrender Autos, deren Leuchten manchmal durch die Vorhänge hindurch blitzten. Noch verschlafen, bereitete ich mir ein schnelles Frühstück: eine Flasche Rote-Bete-Saft – das sollte erst einmal reichen. Anschließend trafen wir uns unten zum gemeinsamen Frühstück, und auch wenn ich schon etwas gegessen hatte, schnappte ich mir ein belegtes Brötchen. Schließlich hieß es: Aufbruch!
Zurück in unserem Zimmer zogen wir uns um, überprüften, ob wir alles eingepackt hatten, und machten uns bereit für den zweiten Tag unserer Tour. Es nieselte leicht, die Luft war kühl, aber gleichzeitig lag eine merkwürdige Wärme in der Luft – als ob der Tag noch nicht entschieden hätte, wie er werden wollte. Die Müdigkeit lag schwer auf uns, und doch spürte jeder den Druck, zu performen, nicht hinten liegen zu bleiben. Gemeinsam machten wir ein Gruppenfoto, dann fuhren wir los, mit dem Ziel, die deutsch-französische Grenze zu erreichen.
Die ersten zehn Kilometer waren flach, und wir fuhren entspannt an der Saar entlang. Die Landschaft war ruhig, der Morgen dämmerte langsam herauf, und dann kam er – der Höllenberg, wie ich ihn getauft hatte. Ein steiler, endlos erscheinender Anstieg, der uns alles abverlangte. Mit meinem schweren Gepäck von etwa 25 bis 30 Kilo und meinem eigenen Gewicht von über 100 Kilo kämpfte ich mich langsam den Berg hinauf. Der Anstieg war so anstrengend, dass viele schließlich vom Rad absteigen mussten. Selbst das Hochlaufen war eine Qual, meine Waden brannten, meine Lungen ächzten, und obwohl es kühl war, war ich völlig durchgeschwitzt.
Oben angekommen, belächelte uns Herr Zimmermann mit dem Kommentar, dass ich schneller zu Fuß den Berg erklommen hätte, als manche mit dem Fahrrad fuhren. Tatsächlich erkannten einige, dass das Laufen energieschonender war als das ständige Treten. Wir machten eine kurze Pause von fünf bis zehn Minuten, um uns zu stärken, bevor es weiterging.
Doch dann kam mein persönlicher Albtraum: Knieschmerzen. Mein linkes Knie, das ich vor zwei Wochen verletzt hatte, machte sich plötzlich schmerzhaft bemerkbar. Schon beim Hochfahren spürte ich die Schmerzen, die mit jedem Tritt schlimmer wurden. Egal, in welchem Gang ich fuhr, der Schmerz war unerträglich und überdeckte jede Anstrengung in den Beinen. Drei Stunden lang musste ich mit diesen höllischen Schmerzen kämpfen. Mehrmals dachte ich daran, aufzugeben, doch ich hielt durch.
Wir machten eine kurze Pause an einer Straße, die nicht steiler zu sein schien als der vorherige Anstieg. Der leichte Winkel dieser Strecke und die dauerhaften Knieschmerzen machten mich fast wahnsinnig. Schließlich erreichte ich die Spitze, war völlig am Ende und ließ mein Fahrrad einfach fallen. Ich setzte mich auf einen Stein und zog meine Schuhe und Kniebandagen aus und band beide an mein linkes Knie, um zumindest etwas Erleichterung zu finden. Das half kaum, aber es verschaffte mir ein wenig mehr Kraft. Dennoch spürte ich, dass meine Knie langsam aufgaben.
Weiter ging es in Richtung der französischen Grenze, und bald gerieten wir in eine witzige, aber auch chaotische Situation. Wir verfuhren uns gründlich und fanden uns in der Nähe einer Militärzone wieder. Zu allem Überfluss gerieten meine Reifen ins Wackeln, und ich dachte sofort an den Unfall vom Vortag. Panisch machte ich eine Vollbremsung, doch Elias, der etwa 20 Meter hinter mir fuhr, bemerkte es nicht rechtzeitig. Ich hörte nur seine Stimme hinter mir: „Oh nein, Andy, Andy!“ Er versuchte auszuweichen, verlor jedoch die Kontrolle und flog direkt in einen Busch. Glücklicherweise blieb er unverletzt, verlor allerdings seine Mütze, die wir später wiederfanden. Der Vorfall sorgte für viele Lacher in der Gruppe, und wir sprachen noch den ganzen Tag darüber.
Nach dem Verfahren und der Entscheidung, Zeit aufzuholen, gab Herr Zimmermann den Plan bekannt: Wir würden nun mehr auf der Hauptstraße fahren, um schneller voranzukommen. Das war wichtig, da wir bereits hinter dem Zeitplan lagen und unsere Energie effizienter nutzen mussten. Doch just in diesem Moment verschlechterte sich das Wetter dramatisch. Ein heftiger Regen setzte ein, und selbst ich, der an solche Bedingungen durch Training gewöhnt war, fühlte den Unterschied. Meine Schuhe und Socken waren völlig durchnässt, und bei jedem Tritt sah ich Wasser aus meinen Schuhen spritzen. Der Regen peitschte in mein Gesicht und fühlte sich wie kleine Nadeln an. Dazu kam der Wind – es war stürmisch, und wir hatten Schwierigkeiten, die Kontrolle über unsere Fahrräder zu behalten.
Immer wieder fegten LKWs an uns vorbei, und für einen kurzen Moment waren wir vor dem Wind geschützt. Doch sobald die Lastwagen an uns vorbeigezogen waren, schlug der Wind umso heftiger zurück. Es war eine äußerst gefährliche Situation, da wir fast von der Straße gedrängt wurden. Während der Fahrt passierte es dann: Ein kleinerer Junge in unserer Gruppe stürzte vor mir. Ich hielt sofort an, stand jedoch noch halb auf der Straße, was Herr Zimmermann von hinten bemerkte. Er rief laut, ich solle von der Straße runtergehen – aus gut nachvollziehbaren Gründen. Ich half dem Jungen auf, stellte sicher, dass es ihm gut ging, und wir setzten unsere Fahrt fort.
Wir fanden schließlich Unterschlupf an einer Bushaltestelle mit einem Dach, unter dem wir uns vor dem strömenden Regen verstecken konnten. Jeder von uns war bis auf die Haut durchnässt, die Jacken durchtropft. Die Sorge war groß, dass unsere Wertsachen durch den Regen beschädigt worden sein könnten. Frau Pfeiffer-Zimmermann und der Junge, der gestürzt war, wurden freundlicherweise von einem LKW-Fahrer mitgenommen, der sie vor dem Wetter rettete. Der Rest von uns fuhr weiter, wieder die Schnellsten vorne weg.
In Perl angekommen, einer kleinen Ortschaft, entschieden die Lehrer, dass wir uns aufwärmen müssten. Wir waren alle durchgefroren und zu nass, um einfach weiterzufahren. Nach kurzer Suche fanden wir eine gemütliche Gaststätte, in der wir herzlich empfangen wurden. Der freundliche Kellner wies uns an, unsere Fahrräder im Hof abzustellen, und obwohl wir völlig durchnässt und erschöpft waren, wurden wir freundlich aufgenommen. Die wenigen Gäste, die bereits dort waren, starrten uns an, als wären wir von einer Insel gestrandet oder aus einem Fluss gerettet worden – so nass waren wir.
Als ich meine Jacke auszog, fiel mir auf, wie schwer sie geworden war. Mein Handy war glücklicherweise trocken geblieben, aber ich trug nur ein Longsleeve und ein T-Shirt darunter. Während wir auf die bestellte Pizza warteten, brachte uns der Kellner eine Schale mit perfekt gewürzten Oliven, die ich bis heute als die besten Oliven in Erinnerung habe, die ich je gegessen habe. Dazu bekam jeder von uns eine Tasse heißen Tee. Emir saß neben mir und bemerkte, dass er die Hitze der Teetasse nicht einmal spüren konnte – so kalt waren unsere Hände. Ich begann, den Tee nicht nur zu trinken, sondern rieb ihn auch über meine Arme und Brust, um etwas Wärme zu bekommen. Es war ein überwältigendes Gefühl, das mich für einen Moment die Kälte vergessen ließ.
Trotz dieser Pause wollten Saga und ich eigentlich weiterfahren, da wir nur noch 20 Kilometer von unserem ersten Ziel, Schengen, entfernt waren. Was wir jedoch nicht bedacht hatten, war die Tatsache, dass es von Schengen noch weitere 30 Kilometer bis zur Stadt Luxemburg waren. Nach Absprache mit den Lehrern beschlossen wir schließlich, einen Bus zu nehmen.
Nach dem Essen verabschiedeten wir uns von dem freundlichen Personal der Gaststätte und machten uns auf den Weg zur Bushaltestelle neben der Polizeistation in Perl. Während wir warteten, stellte sich die Frage, ob der Busfahrer unsere Fahrräder überhaupt mitnehmen würde. Was würden wir tun, wenn er es verweigerte? Die Sorge war berechtigt, aber niemand hatte eine konkrete Lösung. Ich überlegte, ob es vielleicht eine Möglichkeit gäbe, in zwei oder sogar drei Bussen zu fahren, aber diese Idee blieb unausgesprochen.
Zum Glück erwies sich der Busfahrer als extrem hilfsbereit. Obwohl es in Deutschland undenkbar gewesen wäre, nahm er alle unsere Fahrräder mit, quetschte sie irgendwie zusammen in den Bus, obwohl es den anderen Passagieren im Weg sein würde. Zwei Schülerinnen, die einstiegen, sagten uns, dass der Bus manchmal voll, manchmal leer sei – sie wussten es selbst nicht genau. Also saßen wir unwissend im Bus, ohne zu wissen, wie voll er später werden würde.
Die ganze Busfahrt über, die sich wie ein endloser Fluss von Momenten anfühlte, verging für mich in einem scheinbar zeitlosen Zustand. Die 50 Minuten Fahrt verschwammen in ein Nichts, in dem Zeit ihre Bedeutung verlor. Der Rhythmus der Podcasts, ihre Lektionen und die gelegentlich aufkommende Musik ließen mich in einen Zustand der völligen Abwesenheit sinken. Vor meinen Augen flimmerten die Gestalten meiner Mitschüler, die Sitzreihen des Busses, Fahrräder, Lehrer – all das wirkte wie eine verschwommene Projektion, die nicht wirklich in mein Bewusstsein drang. Es war, als wäre ich in einen inneren Fokus gesogen, der das Äußere nur noch zu einer schemenhaften Kulisse werden ließ.
Plötzlich brach die Realität über mich herein, als eine Vielzahl von Stimmen zu mir durchdrang. „Wir sind in Luxemburg!“, „Raus mit den Fahrrädern!“, „Beeilt euch!“ – diese Rufe schienen von allen Seiten zu kommen. Mit einem Mal war ich wieder vollständig präsent, mein Körper regte sich, während mein Geist sich erst noch sortieren musste. In der Eile hievten wir die Fahrräder aus dem Bus, die nächsten Reisenden drängten bereits ungeduldig darauf, einzusteigen. Die Hektik am Busbahnhof war überwältigend, doch gleichzeitig durchzog mich ein Gefühl der Erleichterung. Die graue, nasse Fahrt war vorbei, der Regen war zu einem leichten Nieselregen abgeklungen, und die vertrauten Anblicke der Stadt zogen an uns vorüber, als wir durch die Straßen Luxemburgs liefen.
Kaum hatten wir den Hauptbahnhof erreicht und unsere Räder mühsam die Treppen hinaufgeschleppt, fanden wir unseren Weg zur Unterkunft. Herr Weber, unser Lehrer, war anfangs sichtlich gereizt – die logistische Herausforderung, so viele Fahrräder unterzubringen, schien ihn zu beschäftigen. Doch schließlich hatte er alles meisterhaft gelöst: Die Fahrräder fanden ihren Platz auf den Balkonen, die ohnehin keine Aussicht boten, außer die auf überfressene Tauben. Mit einem Gefühl des Ankommens und der Erschöpfung betrat ich das Zimmer. Der Regen und der Wind der vorherigen Stunden waren nur noch ferne Erinnerungen, als ich schließlich unter die Dusche trat.
Das warme Wasser strömte über meine Haut, und in diesem Moment fühlte ich, wie die Anspannung von mir abfiel. Es war mehr als nur eine physische Reinigung – es war, als ob das Wasser all den Stress, die Kälte und die Müdigkeit des Tages mit sich fortspülte. Ich stand lange unter dem Wasserstrahl, genoss das wohltuende Gefühl der Wärme und des Schutzes, den diese einfache Handlung mir gab. Als ich schließlich fertig war, fühlte ich mich wie neu geboren. Ich legte mich in das frische Bett, spürte die Weichheit der Decke auf meiner Haut und tat… nichts. Einfach nur dazuliegen, ohne ein Ziel, ohne ein „Müssen“, war eine wahre Erleichterung.
Zwischenzeitlich kam Herr Weber herein, immer wieder fragend, wann auch er endlich duschen könne. Ich konnte den tiefen Wunsch nach dieser kleinen Oase der Ruhe in seinen Augen sehen. Doch es dauerte so lange, dass er am Ende wohl woanders duschte – so weit reicht meine Erinnerung noch.
Nach diesen intensiven Momenten des Entspannens und Austausches über den harten Tag mit meinen Mitstreitern, kam die nächste Frage auf: Was sollten wir essen? Schnell einigten wir uns, dass jeder selbst entscheiden könnte, ob er Essen bestellt oder selbst etwas zubereitet. Die Preise in Luxemburg waren allerdings schockierend hoch – allein der Gedanke, 13,50 Euro für einen kleinen Döner zu zahlen, ließ mir ein unbehagliches Schaudern über den Rücken laufen. Meine Entscheidung stand fest: Ich würde selbst kochen.
Vor dem entspannten Abend, an dem wir zusammen saßen, waren wir zum Bahnhof in Luxemburg gegangen, um Gruppenbilder zu machen. Die EU-Flagge, die wir stolz schwenkten, verlieh den Fotos einen besonderen Touch. Die Atmosphäre war ausgelassen, und es gelang uns, einige großartige Aufnahmen festzuhalten.
Besonders amüsant war es für die anderen zu sehen, wie Frau Pfeiffer-Zimmermann mein Handy in der Hand hielt, um die Bilder zu knipsen. Ihr schelmisches Grinsen und die unkonventionelle Situation sorgten für viele Lacher in der Gruppe. Anfangs fand sie die ganze Situation noch recht lustig, doch bald merkte man, dass sie an ihre Grenzen gestoßen war. Das Jonglieren mit dem Handy und dem Versuch, die perfekte Aufnahme zu machen, war offenbar nicht so einfach, wie es schien.
Nachdem wir genug Fotos gemacht hatten und uns alle über die lustigen Momenten amüsiert hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Dort angekommen, begann das Kochen, das nicht nur ein notwendiger Schritt zur Nahrungsaufnahme war, sondern auch eine Gelegenheit, uns erneut zusammenzufinden und die Strapazen des Tages hinter uns zu lassen. Es war der perfekte Übergang von einem lustigen, geselligen Nachmittag in Luxemburg zu einem herzlichen und geschmackvollen Abend.
Endlich, als alles auf dem Teller vereint ist – das Steak in seinem saftigen, roten Kern, die goldgelben Spiegeleier, die zarten Avocadoscheiben, das Baguette – tritt das Gefühl der Vollkommenheit ein. Es ist mehr als nur eine Mahlzeit; es ist eine Symphonie der Aromen, ein Fest für die Sinne, das in der Stille des Raumes erblüht. Jeder Bissen ist ein Genuss, der die Erschöpfung des Tages verfliegen lässt, während ich in der warmen, geborgenen Atmosphäre schwelge und meine Kreation genieße.
Während ich das köstliche Mahl fast vollständig genossen hatte, betraten die Mädchen unser Zimmer und brachten eine erfrischende, fröhliche Stimmung mit. Der Abend entfaltete sich in einem bunten Mix aus Lachen und Leichtigkeit. Wir chillten, spielten mit einem kleinen Bömpel, der durch den Raum flog, erzählten uns Witze, die uns zum Kichern brachten, und ließen uns von Filmen mitreißen, die uns ablenkten von den Strapazen des Tages.
Die Zeit verging wie im Flug, während wir uns mit Snacks stärkten und uns gegenseitig herausforderten, neue Lacher zu finden. Gegen 23 Uhr, als die Müdigkeit langsam einsetzte, wurde es Zeit für die Mädchen, zu ihrem Schlafplatz zurückzukehren. Wir blieben noch ein wenig wach, die Atmosphäre war angenehm und entspannt, und die verbleibende Zeit schien uns zu gehören.
Tag 3
Morgens aufzuwachen fühlte sich seltsam an. Ich war völlig ausgeschlafen, aber dennoch müde, fast wie ein Nachhall der vergangenen Tage. Das Essen und die gemeinsame Zeit am Abend hatten mir gutgetan und ein erleichterndes Gefühl hinterlassen. Ich war froh, nicht mehr mit den schmerzenden Knien weiterfahren zu müssen.
Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, fuhren wir zum Bahnhof. Dort wollten wir noch letzte Gruppenbilder machen und eine Person interviewen. Die Fragen drehten sich hauptsächlich um den Schengen-Raum und die EU, ein wichtiges Thema, das wir in unserer kleinen Gruppe besprechen wollten. Es war etwas frustrierend, dass wir nicht viele Passanten ansprechen konnten, aber wir ließen uns nicht entmutigen.
In der Bahnhofshalle fanden wir schließlich den perfekten Ort für unsere Gruppenbilder. Wir standen dort mit unseren Fahrrädern und der EU-Flagge in der Mitte. Während wir auf die Fotos warteten, wurde mir etwas unbehaglich, da wir schon eine Weile dort standen. Doch der Gedanke, dass die Menschen um uns herum uns wahrscheinlich nie wieder sehen würden, beruhigte mich schließlich. Einige andere in der Gruppe fühlten sich ebenfalls unwohl, aber wir wussten, dass solche Momente zum Projekt gehörten.
Als wir dann in den Zug stiegen, fiel die Anspannung von uns ab. Die Zugfahrt war entspannt, fast meditativ. Ich genoss die vorbeiziehende Landschaft und hörte meine Podcasts. Während ich nachdachte, was ich nach unserer Rückkehr noch alles machen würde, ließ ich die Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren. Nach ein paar Umstiegen standen wir schließlich in Pirmasens-Nord am Bahnhof. Ursprünglich war geplant, mit dem Zug nach Rodalben zu fahren, doch dann entschieden wir uns, die Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen. Es war ein wenig chaotisch, insbesondere mit dem Kontrolleur, der durch die Änderung der Pläne etwas verwirrt wirkte.
Die anderen, die nicht in Rodalben wohnten, fuhren nach Waldfischbach und von dort aus nach Hause.
Mein persönliches Fazit
Die Fahrradtour war eine Reise, die von Erwartungen, Herausforderungen und einer unerwarteten Erfüllung geprägt war. Von dem Moment an, als ich erstmals davon hörte, begann eine leise, fast unmerkliche Veränderung in meiner Haltung und in meinem Selbstverständnis. Anfangs hatte ich noch Zweifel. Ich saß im Englischunterricht, als ich das erste Mal davon erfuhr, und dachte: „Ja, das klingt cool, aber bin ich wirklich der Richtige dafür?“ Und dann hörte ich die Stimmen meiner Mitschüler im Hintergrund, die selbstsicher sagten: „Andreas, du wärst doch dafür geeignet.“ In diesem Moment war ich erstaunt und fragte mich, wie sie darauf kamen. Ich hatte keine wirkliche Antwort darauf, aber ihre Zuversicht weckte etwas in mir. Ein Teil von mir wollte es beweisen, sich selbst und vielleicht auch ihnen, und ich beschloss: „Okay, ich machs.“
Schon vor dem Start hatte ich mir vorgestellt, dass es ein sehr schweres Unterfangen werden würde, ein mentaler und körperlicher Kampf, den ich meistern müsste. Einhundert Kilometer am ersten Tag? Das klang nach einer Qual. Doch als wir dann tatsächlich unterwegs waren, war ich überrascht von der Leichtigkeit, die mich begleitete. Ja, es war anstrengend, und am Ende des Tages fühlte ich die Erschöpfung in den Beinen, aber es war kein vernichtendes, alles dominierendes Gefühl der Erschöpfung. Ich fühlte mich fit, voller Energie – hätte es nach mir gegangen, hätte ich an diesem Tag noch locker weitere 20 bis 30 Kilometer zurücklegen können, ohne dass mich dies an den Rand meiner Kräfte gebracht hätte.
Die Momente, in denen wir uns verfahren haben, die zusätzlichen Strecken, das Wenden und neu orientieren – all das machte mir weitaus weniger Stress, als ich gedacht hatte. Stattdessen spürte ich eine innere Ruhe und Akzeptanz. Ich lernte, es hinzunehmen und weiterzumachen. Es war eine weitere Lektion über Gelassenheit, über das Akzeptieren von Hindernissen, ohne ihnen zu viel Bedeutung beizumessen. Im Rückblick auf die gesamte Tour muss ich sagen, dass diese Erfahrung eine der wertvollsten war, die ich in letzter Zeit gemacht habe.
Die Tour war in vielerlei Hinsicht eine Einzelkämpferreise. Jeder von uns war mehr oder weniger auf sich selbst gestellt. Es war kein Teamsport im klassischen Sinne; jeder trug sein eigenes Gepäck, hatte seine eigenen Schmerzen, seine eigene Müdigkeit, seine eigenen Gedanken. Doch trotz dieser Isolation fühlte sich die Gruppe vereint. Jeder von uns verfolgte dasselbe Ziel: das Ziel zu erreichen, durchzuhalten, sich abends zusammenzufinden, vielleicht etwas zu essen und den Tag ausklingen zu lassen. Dieses gemeinsame Ziel schuf eine besondere Dynamik. Es war, als ob wir alle Einzelkämpfer waren, die sich jedoch gegenseitig inspirierten und stützten, ohne Worte, nur durch die gemeinsame Anstrengung und das ungesagte Versprechen, weiterzumachen.
Jetzt, wo ich zurückblicke, überrascht es mich, wie sehr ich meine eigenen Grenzen verschoben habe. Früher erschien mir eine Fahrt von 20 oder 30 Kilometern als eine lange Herausforderung. Doch nach dieser Tour, nach den langen Tagen auf dem Fahrrad, erscheinen mir solche Strecken wie ein Kinderspiel. Die Perspektive hat sich komplett verändert. Diese Tour hat mir , und den anderen gezeigt, dass die tatsächlichen Grenzen oft viel weiter entfernt sind, als man gedacht hätte, und dass man viel mehr bewältigen kann, als man sich selbst zutrauen würde.
Um ehrlich zu sein, würde ich diese Tour jederzeit wiederholen, ungeachtet der Jahreszeit. Natürlich wäre es im Sommer angenehmer – weniger Regen, mehr Sonne –, aber jede Jahreszeit bringt ihre eigenen Herausforderungen und Besonderheiten. Diese Herausforderungen wiederum formen die Erfahrung und das Ergebnis, das man daraus mitnimmt. Und genau das hat mich fasziniert. Es war nicht nur die physische Herausforderung, die mich angesprochen hat, sondern auch das mentale Wachstum, das aus ihr hervorgegangen ist. Es ist erstaunlich, wie eine solche Tour die eigene Mentalität stärken und den Horizont erweitern kann. Plötzlich fühlt sich der eigene Körper an wie ein Werkzeug, ein verlässliches Instrument, das Dinge vollbringen kann, die man sich früher nicht zugetraut hätte.
Als Bodybuilder, jemand, der auf die Bühne gehen möchte, hatte ich zuvor nicht wirklich gedacht, dass mich eine Fahrradtour so fesseln könnte. Mein Fokus lag auf dem Kraftsport, auf den präzisen Bewegungen und der Arbeit an bestimmten Muskelgruppen. Doch hier, auf der Straße, erfuhr ich eine andere Art von Stärke. Und ich muss sagen, dass mein Training im Kraftsport mir dabei enorm geholfen hat. Meine Beine, mein Rücken, selbst mein Kopf – all das wurde durch das Bodybuilding gestärkt und half mir, diese Tour zu bewältigen. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Im Nachhinein betrachtet, kann ich ehrlich sagen, dass es auf dieser Tour keinen einzigen Nachteil gab. Kein Moment, in dem ich dachte, dass ich abbrechen wollte. Keinen Punkt, an dem ich ans Aufgeben dachte. Die Tour hat mir so viel Freude bereitet, die Anstrengung, die ich investierte, fühlte sich gut an, und der Wille, weiterzumachen, war stark. Es war eine jener Erfahrungen, die im Moment fordernd sind, die aber im Rückblick mit einem Gefühl der Zufriedenheit und Erfüllung erfüllen.




